Wem die Liebe gilt
Die Sufis bezeichneten auf dem Weg vom Nichtsein zum Sein jene Sehnsucht des Schöpfers, der absolute Schönheit (Cemâl-i Mutlak) und absolute Vollkommenheit (Kemâl-i Mutlak) ist, als absolute Liebe (Aşk-ı Mutlak). Als verborgener Schatz liebte Er es, erkannt zu werden. Aus dem Verlangen heraus, Seine eigene Schönheit zu schauen und sichtbar zu machen, verlieh Er dem Dasein Gestalt als einem Spiegel, in dem Er sich offenbaren und erkannt werden konnte. Sie gingen davon aus, dass alles Belebte wie Unbelebte durch diese Liebe sein Dasein erhält und dass keine Erscheinungsform der Liebe in der Welt des Seienden von dieser ursprünglichen Liebe getrennt ist.
Auch wenn die Liebe in der menschlichen Welt als etwas erscheint, das zwischen zwei Menschen geschieht, ist sie im Grunde ein Geschehen, das sich in einem Einzelnen vollzieht. Die hormonellen und physiologischen Vorgänge, die sich im Körper zeigen, mögen Teil dieser Erfahrung sein, doch sie reichen nicht aus, um die Liebe in ihrer Gesamtheit zu erklären. Denn der Mensch erlebt Liebe nicht nur als körperliche Anziehung, sondern bisweilen auch als einen Zustand, in dem die Grenzen des eigenen Ichs zu zerfallen beginnen. Sie muss etwas Transzendenteres sein, wenn sie doch den einen zum Mecnun, zum Liebeswahnsinnigen, und den anderen zum Meczup, zum von göttlicher Verzückung Ergriffenen, machen konnte!..
Jenseits jener sagenhaften Anziehungskraft, die sich vom Mikro- bis zum Makrokosmos, vom kleinsten Teilchen bis zur Sphäre des Weltalls erstreckt, muss es einen Zustand der Transzendenz geben, der sich in der sufischen Tradition als cezbe, als ekstatische Anziehung der Liebenden, widerspiegelt und bei den Mevlevî im semâ Gestalt angenommen hat. Der Geliebte ist kein Mittel zum Zweck, denn auch er ist ein mazhar, ein Ort, an dem sich die göttliche Manifestation zeigt.
Selbst wenn man sich der Liebe des Gegenübers nicht sicher sein kann, weiß der Mensch doch im Bewusstsein dessen, was er im eigenen Herzen nicht zu fassen vermag, dass sowohl sein Leid als auch seine Heilung in diesem Akt verborgen liegen, den er allein vollzieht.
Die Gegenseitigkeit der Liebe hängt von zwei Menschen ab, doch der Akt des Liebens vollzieht sich im eigenen Sein des Menschen. Der Geliebte muss nicht die Ursache der Liebe sein, doch er ist ihr Gegenüber, ihr Adressat.
Wenn die Liebe ein Geschehen in einem Einzelnen ist, wer ist dann der Mensch dir gegenüber? Nur ein Anlass? Ein Spiegel? Würde das nicht bedeuten, den Geliebten zu einer Stufe der eigenen inneren Vervollkommnung herabzusetzen?
Siehst du im Spiegel dich selbst, oder wirst du von jenem gesehen, der dir aus dem Spiegel entgegenblickt?
Blickst du auf den Geliebten, oder blickst du aus den Augen jener Liebe, die du für dich allein beanspruchst, wieder auf dich selbst?
Sehnst du dich danach, geliebt zu werden, oder danach, dass die Liebe dich bei den Händen nimmt und dich dem Staunen und der Verwirrung der Liebe überlässt?
Und ist jener Zustand, „in die Liebe selbst verliebt zu sein“, die Bewunderung für das Wesen der Liebe aus der Position eines „Beobachters“ heraus?
Gibt es für die Liebe zum Lieben selbst ein Maß, eine Einheit, eine Waage? Hat das Übersteigen der Liebe einen Berg, einen Weg, einen Gipfel?
Bezm-i şevkün içre devr eyler felek bir câmdur
Câmda bir cür’adur aşkun şarâbından şafakBâkî
(O Geliebter! Das Firmament ist ein Kelch, der sich im Kreise der Zusammenkunft dreht, die von der Sehnsucht nach dir erfüllt ist. Und die Röte der Morgendämmerung ist nur ein letzter Schluck vom Wein deiner Liebe, der auf dem Grund dieses Kelches zurückgeblieben ist.)