derbân Özlem Dilek
Cengiz
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Reflexion POLITIK 6 Min

Gewöhnung ist die heimtückischste Katastrophe

Gewöhnung ist die heimtückischste Katastrophe.

Zuerst lehnst du dich auf. Du sagst, „So weit darf es nicht kommen.” Dann beginnst du, dich daran zu gewöhnen. An Sirenen, an Preisschilder im Supermarkt, an die Alltäglichkeit der Ungerechtigkeit, an das akzeptierte Schweigen.

Eines Morgens öffnest du die Augen und merkst, dass du begonnen hast, still an dem vorbeizusehen, worüber du am lautesten hättest schreien müssen.

Und dann, ohne es zu merken, werden die Verzweiflung vor dem Gerichtsgebäude und die Menschenmenge, die mit gesenktem Kopf durch die Straßen geht, zu einer Gewohnheit. Denn sich zu gewöhnen ist der einfachste Weg, um zu überleben. Aber zugleich ist es die langsame Kapitulation der Seele.

„Was sollen wir tun, was liegt schon in unserer Hand?” „So ist nun einmal die Ordnung.” „Ist es etwa an uns, die Welt zu retten?”

Diese Sätze erzählen still vom Niedergang eines Landes.

Dabei gibt es Dinge, an die man sich niemals gewöhnen darf. An einen Journalisten, der jeden Morgen auf Kosten seiner Freiheit berichtet, an einen jungen Menschen, der seine ganze Zukunft verloren hat, an eine Mutter, die auf der Suche nach Gerechtigkeit das Foto ihres Kindes trägt. Daran gewöhnt man sich nicht.

Wenn du dich daran gewöhnst, schweigst du. Je mehr du schweigst, desto mehr verrottest du innerlich. Und eine Gesellschaft, die innerlich verrottet, verschwindet, ohne es zu merken.

Manchmal ist schon das Nichtvergessen eines einzigen Satzes, der dir durch den Kopf geht, eine Form des Widerstands. Manchmal wird das Gefühl in deinem Herzen, das sich nicht zum Schweigen bringen lässt, dieses leise „So darf es nicht weitergehen”, zur letzten Festung, die nicht fällt.

Wenn du in deinem Inneren noch sagen kannst, „Das ist nicht gerecht”, bist du noch nicht besiegt. Denn wahre Kapitulation beginnt zuerst im Inneren.

Ein Land verrottet durch Schweigen. Ein Volk löscht sich aus, indem es hinnimmt. Und wenn jemand trotz allem noch in seinem Inneren sagen kann, „So darf es nicht sein”, dann gibt es immer Hoffnung, dass der Wandel eines Tages unvermeidlich wird.

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