derbân Özlem Dilek
Cengiz
Reflexion PHILOSOPHIE

Die Rekonstruktion von Bedeutung

Wenn wir sprechen, gehen wir von einer stillen Annahme aus. Wir legen Bedeutung in Wörter hinein, schicken sie los und glauben, die andere Person müsse nur die Schachtel öffnen, um darin genau dasselbe zu finden. Die Annahme „Ich habe es gesagt, also ist es angekommen“ ist beruhigend, entspricht aber nicht immer der Wirklichkeit. Sobald ein Satz unseren Mund verlässt und das Ohr des Gegenübers erreicht, ist er nicht mehr unser Satz. Dort wird er neu zusammengesetzt. Kommunikation ist keine Übertragung, sondern ein Prozess der Rekonstruktion, und genau dieser Prozess macht Beziehung überhaupt erst möglich.

Um zu sehen, wo diese Rekonstruktion beginnt, kann es hilfreich sein, die Spur des Gesagten zu verfolgen, noch bevor es das Gehirn erreicht.

Das Außenohr fängt Schallwellen auf und bringt das Trommelfell zum Schwingen. Diese Schwingungen werden über die drei kleinen Gehörknöchelchen im Mittelohr verstärkt und an die mit Flüssigkeit gefüllte Cochlea im Innenohr weitergeleitet. Tausende Haarzellen in der Cochlea wandeln diese mechanische Bewegung in elektrische Nervenimpulse um.

Dieses Detail ist wichtig. Schall wird nicht erst im Gehirn in elektrische Signale verwandelt, sondern bereits im Ohr. Der Hörnerv transportiert nicht den Schall selbst zum Gehirn, sondern eine Übersetzung davon. Das Gesagte hat also seine Form bereits einmal verändert, noch bevor es überhaupt zum Gegenstand des Denkens wird. Und das Organ, das diese Übersetzung leistet, arbeitet nicht bei jedem Menschen mit derselben Empfindlichkeit.

Das Gehirn ist ein gewaltiges Netzwerk aus ungefähr 86 Milliarden miteinander verbundenen Neuronen, und die Struktur dieses Netzwerks ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Erfahrung ist einer der wichtigen Faktoren, die dieses Netzwerk im Laufe eines Lebens formen.

Lernen geht mit Veränderungen einher, bei denen synaptische Verbindungen stärker oder schwächer werden, neue Verbindungen entstehen und bestehende Verbindungen neu organisiert werden. Da die Erfahrungsgeschichte zweier Menschen niemals identisch sein kann, können auch ihre neuronalen Netzwerke nicht identisch sein.

Die sensorische Information, die ein eintreffendes Signal trägt, bestimmt für sich allein noch nicht, was ein Satz für uns bedeutet. Sie verbindet sich mit allem, was das Netzwerk bis zu diesem Zeitpunkt angesammelt hat, damit, wer ein bestimmtes Wort früher ausgesprochen hat, damit, woran ein bestimmter Tonfall erinnert, und wird so zu „Bedeutung“.

Dasselbe Gesagte muss bei zwei Menschen keine vollständig identischen neuronalen und assoziativen Muster hervorrufen.

Das Bild, das im Kopf meines Gegenübers entsteht, ist keine Kopie meines Bildes. Es ist ein anderes Bild, geschaffen aus seinem eigenen Material.

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen.

Der erste lautet: Wenn ohnehin keine exakte Kopie entsteht, sollten wir Methoden entwickeln, um den Verlust zu verringern. Klarer sprechen, nachfragen, überprüfen, um Rückmeldung bitten. Das ist nützlich, bleibt aber an der Oberfläche.

Der zweite Schluss ist interessanter. Emmanuel Levinas zufolge besteht eine tief verwurzelte Gewohnheit unserer Denktradition darin, den anderen zu verstehen, indem wir ihn in unsere eigenen Begriffe einordnen. Verstehen heißt begreifen, und begreifen heißt ergreifen. In einer solchen Form des Verstehens wird mein Gegenüber auf meine Vorstellung von ihm reduziert. Er verschwindet gewissermaßen, und an seine Stelle tritt die Kopie, die ich von ihm angefertigt habe. Aus der Perspektive von Levinas kann eine solche Reduktion zu einer Form von Gewalt werden. Der Mensch vor mir übersteigt jedes Bild, das ich mir von ihm machen kann.

Die Neurowissenschaft zeigt, dass die Bedeutung des anderen nicht unmittelbar und unverändert in meinen Kopf kopiert wird. Levinas hält das nicht für einen Mangel an Wissen. Für ihn kommt die Andersheit vor dem Erkennen.

Mein Gehirn rekonstruiert die Worte meines Gegenübers zwangsläufig innerhalb seiner eigenen Geschichte und seiner eigenen Verbindungen. Das Problem liegt nicht in dieser Rekonstruktion selbst. Es beginnt dort, wo ich die Bedeutung, die ich konstruiert habe, mit dem Menschen vor mir verwechsle. Die Ethik von Levinas erinnert gerade an diesem Punkt daran, dass der Andere niemals vollständig in meinem Verständnis aufgeht.

Dann ist die Unmöglichkeit einer perfekten Kopie kein Defekt mehr. Wenn ich die Bedeutung im Kopf meines Gegenübers eins zu eins in meinen eigenen übertragen könnte, würde dieser Mensch für mich aufhören, ein Anderer zu sein, und zu einer Verlängerung meiner selbst werden. Dass ich ihn nie ganz ausschöpfen kann, ist kein Mangel der Beziehung, sondern eine ihrer Bedingungen.

Dass sich mein Gegenüber mir nie vollkommen erschließt, bedeutet nicht, dass ich ihn nicht verstehen kann. Es bedeutet, dass mein Verständnis niemals mit seiner ganzen Person identisch sein kann.

Levinas unterscheidet zwischen dem Gesagten und dem Sagen. Das Gesagte ist der Inhalt eines Satzes. Es kann festgehalten, zitiert und weitergegeben werden.

Das Sagen hingegen besteht darin, dass ich mich, indem ich diesen Satz äußere, meinem Gegenüber aussetze, mich ihm öffne und mich ansprechbar und antwortfähig mache. Es geht dem Inhalt voraus und lässt sich nicht vollständig in ihm unterbringen.

Der Bildschirm hält das Gesagte relativ stabil fest, lässt aber viele sinnliche Zeichen weg, die das Sagen begleiten.

Wenn wir miteinander sprechen, nehmen wir nicht nur die Wörter unseres Gegenübers auf. Wir nehmen auch Tonfall, Betonung, Pausen und Gesicht wahr. Im Geschriebenen fallen viele dieser Ebenen weg, zurück bleiben die nackten Wörter. Doch das Gehirn arbeitet ungern mit Lücken. Es versucht sie zu füllen, und das Material, das ihm dafür zur Verfügung steht, stammt aus ihm selbst. Weil wir die Stimme des anderen nicht hören, erzeugt das Gehirn diese Stimme selbst. Eine Nachricht, die uns in guter Stimmung völlig neutral erscheint, kann mit denselben Wörtern in einem ängstlichen Moment plötzlich spöttisch oder verletzend wirken.

Wortwahl und Zeichensetzung des Schreibenden, die gemeinsame Beziehungsgeschichte, der Kontext und die Erwartungen des Lesenden bestimmen den Ton gemeinsam. Auch der momentane Zustand des Lesenden wirkt stark daran mit, wie dieser Ton entsteht.

Das Merkwürdige daran ist, dass wir diesen Unterschied beim Schreiben oft nicht bemerken. Den eigenen Satz hören wir im Kopf bereits im richtigen Tonfall. Wir wissen, dass etwas als Scherz gemeint ist und nicht als Vorwurf, und diese innere Stimme ist so lebendig, dass wir unbewusst annehmen, die andere Person werde sie ebenfalls hören. Was wir tatsächlich verschicken, ist jedoch ein Text, dem diese innere Stimme fehlt.

„So habe ich das doch gar nicht gemeint“ gehört zu den häufigsten Sätzen in schriftlicher Kommunikation.

Um diesen Mangel auszugleichen, haben wir eine Art prothetische Sprache entwickelt. Satzzeichen, Emojis, Großbuchstaben, gedehnte Buchstaben. „Okay.“ und „okayyy“ sind zwei unterschiedliche Nachrichten, und dieser Unterschied wird nicht vom Wörterbuch getragen, sondern von gemeinsamen Gewohnheiten. Diese Gewohnheiten verändern sich jedoch von Generation zu Generation. Was der eine als höflichen Punkt empfindet, liest der andere wie eine zugeschlagene Tür.

Schreiben gibt dem Denken Zeit. Ein formulierter Satz kann zurückgenommen, korrigiert und neu aufgebaut werden. Die lesende Person kann in ihrem eigenen Tempo vorgehen und zu einer Stelle zurückkehren. Außerdem hinterlässt Schrift eine Spur. Beide Seiten können später nachsehen, was tatsächlich gesagt wurde, und Missverständnisse können geklärt werden. Da heute ein großer Teil unserer Beziehungen, unserer Arbeit und unserer Auseinandersetzungen schriftlich stattfindet, kann die Lösung also nicht darin bestehen, Schrift zu vermeiden.

Dass der Bildschirm viele Zeichen der direkten Begegnung entfernt, verringert unsere Verantwortung nicht. Im Gegenteil, er kann sie sogar erhöhen.

Es gibt weniger Hinweise, die mich aus dem Bild herauskorrigieren können, das ich mir selbst konstruiert habe. Wenn mich eine Nachricht verletzt oder beunruhigt, sollte deshalb die erste Frage lauten: Liegt dieser Ton tatsächlich im Text, oder entsteht er in meinem eigenen Kopf?

Hören ist physiologisch und weitgehend unwillkürlich. Ein gesundes Ohr nimmt seine Umgebung fortlaufend wahr, ohne dass ich dafür etwas tun muss. Zuhören dagegen bedeutet, dem Hören Aufmerksamkeit und Absicht hinzuzufügen.

Zuhören bedeutet, sich einer natürlichen Tendenz unseres Gehirns zu widersetzen. Nachzufragen, zu überprüfen, Körpersprache wahrzunehmen und sich bewusst zu machen, dass diese Sprache am Bildschirm fehlt, sind nicht nur Kommunikationsfähigkeiten. Sie sind Formen dieses Widerstands. Deshalb ist Zuhören anstrengend.

Und die Frage lautet nicht: „Hat mein Gegenüber mich verstanden?“

Die Frage lautet: Konnte ich ihn als Anderen stehen lassen, ohne ihn dem Bild anzugleichen, das ich mir von ihm gemacht habe?

→ Bu yazıyı Türkçe oku → Read in English
← Zurück zur Übersicht Alle Texte →