derbân Özlem Dilek
Cengiz
DE TR EN
Reflexion EXISTENZ PERSÖNLICH 6 Min

Der Spiegel

Im Laufe des Tages begegnen wir vielen Menschen. Jeder von uns wird zum Berührungspunkt verschiedener Leben und unterschiedlicher Seelenzustände.

Manchmal erinnert mich ein Gespräch, ein Satz oder eine Haltung an mein Ich von vor Jahren. Dann taucht vor mir ein Spiegelbild auf, das meiner damaligen Gemütsverfassung, meiner Gedankenwelt und den Sackgassen, in denen ich mich damals befand, sehr ähnlich ist.

Unwillkürlich denke ich nach. Wie habe ich das alles überwunden und bin bis heute gekommen? Was hat sich in meinem Geist von damals bis heute verändert? Welche Wege haben sich still geschlossen und welche haben sich geöffnet? Was wäre meine Botschaft von heute an jene Tage? Würde mein Gegenüber es verstehen, wenn ich versuchte, es ihm zu erklären? Oder würde das seinem eigenen Weg der inneren Reifung schaden? Würde ich in fünf oder zehn Jahren wieder genauso denken und dieselben Reaktionen zeigen? Oder hätte ich mich längst auf den Weg zu einem anderen Ich gemacht?

In solchen Momenten fühle ich mich wie in einem Raum voller Spiegel. In jedem Spiegel taucht ein anderes Ich auf. Mal eine Frau, mal ein Mann. Die einen jung, die anderen alt. Auf dem Gesicht des einen liegt ein konservativer Ausdruck, ein anderer wirkt rebellisch. Ein weiteres ist hoffnungslos. Einem anderen ist alles gleichgültig.

Sie alle umgeben mich gleichzeitig. Es ist, als würde sich das Leben in eine interaktive Theaterbühne verwandeln, auf der ich all diese Versionen meiner selbst gleichzeitig spiele. Jede Rolle gehört mir. Jeder Satz hallt in mir wider.

Vielleicht gibt es auf dieser Bühne nur ein einziges Ich. Vielleicht sind all diese Charaktere nichts weiter als Echos derselben Essenz zu verschiedenen Zeiten. Wenn all diese Ichs vor mir wüssten, dass sie im Grunde ein und dasselbe Wesen sind, würden sie dann so heftig miteinander streiten?

Deshalb lässt sich womöglich nicht mehr erklären, woher man kommt oder wohin man geht. Es wird unklar, wo das Leben beginnt und wo es endet. Die Linien verblassen, die Spiegel vermehren sich, die Spiegelbilder vermischen sich miteinander. Die Grenze zwischen Realität und Illusion löst sich auf.

Sind wir vielleicht nicht Gottes Traum, sondern Wesen, die sich in einer Paranoia verloren haben?

→ Bu yazıyı Türkçe oku → Read in English
← Zurück zur Übersicht Alle Texte →